Training oder Veranlagung - Was bringt mehr?

Juli 03, 2015
Training oder Veranlagung - Was bringt mehr?

Die Leistung von Profi-Sportlern lässt sich mittlerweile auf viele Art und Weisen messen. Egal ob maximale Sauerstoffaufnahme oder Watt pro Kilogramm, das Leistungsvermögen lässt sich ohne viel Aufwand testen. Doch wieviel Prozent der Physiologie sind das Resultat von hartem Training und wieviel einfach nur gute Veranlagung?

Taylor Phinney vom BMC Racing Team zum Beispiel ist bei letzterem ziemlich gut weggekommen. Mutter und Vater waren beide professionelle Radrennfahrer, die Mutter sogar Olympiasiegerin. Ist der mehrfache Weltmeister deswegen seinen Konkurrenten überlegen? Ist er zwangsläufig besser als jemand, dessen Eltern eher Radrennen im TV schauen als sie selber zu fahren? Oder kann harte Arbeit und intensives Training diesen „Gennachteil“ ausgleichen? Natürlich ist es jedem selbst überlassen, sein Fitnesslevel und seine Performance zu verbessern, aber reicht das gegen Kontrahenten, die schon von Natur aus mit mehr Leistungsvermögen gesegnet wurden?

Mit diesen und mehr Fragen im Gepäck haben wir das Orica-GreenEDGE Sports Science & Coaching Team bombardiert, um ein für alle Mal zu klären, wieviel Leistung Training ist, und wieviel einfach nur pures Losglück in der Genlotterie ist.

Was überwiegt - Training oder Veranlagung?

Das Verhältnis der beiden Faktoren ist bei jedem Athleten verschieden. Natürlich hat ein Großteil der Profis eine genetische Anlage für eine erhöhte Leistungsfähigkeit, und die Ausbaufähigkeit dieser ist äußerst variabel. Auch wenn mehrere Athleten den gleichen Trainingsplan folgen, werden sich einige deutlich mehr verbessern als andere. Der aktuelle Fitnessstand ist ebenfalls entscheidend. Profis werden sich weniger schnell weiterentwickeln als ungeübte Hobbysportler, obwohl sie dem gleichen Trainingsplan folgen.

Bis zu welchem Grad kann ich meine natürlichen Veranlagungen überwinden? Wenn ich eine max. Sauerstoffaufnahme von 70 ml/kg/min habe, mein Gegner 76 - wird er dann immer gewinnen?

Hier ist es wichtig zu differenzieren. Die max. Sauerstoffaufnahme (VO2) ist ein Wert, der von Wissenschaftlern zur Bestimmung verschiedener Faktoren des Körpers verwendet wird. Es gibt keine direkte Verbindung von diesem Wert zu der Leistungsfähigkeit im Sport. Daraus folgt, dass hier die Art des Wettkampfes entscheidend ist.

Zum Beispiel kann ein geübter Sprinter mit geringem VO2max einen der Favoriten für die Tour mit außerordentlich hohem VO2max ohne Probleme auf flacher Strecke schlagen. In dieser Situation ist der Wert absolut nicht entscheidend. Bei anderen Streckenprofilen kommt es hingegen ausschließlich auf die körperliche Verfassung an, wie z.B. Zeitfahren auf einem bergigen Kurs.

Ist dann der Wert für Watt pro Kilogramm aufschlussreicher als VO2?

Leistungsvermögen ist in jedem Sport ein Resultat aus einer Vielzahl von Faktoren. Es wäre zu einfach, nur zwei herauszunehmen. Beide messen verschiedene Werte, stehen aber in Beziehung zueinander und sind individuell gesehen sehr wichtig. Je höher dein VO2max, desto höher ist in der Regel auch dein Watt/Kg.

Passiert es, dass Neueinsteiger auf ihre Leistungsfähigkeit überprüft werden und gesagt bekommen „Nein, dieser Sport ist nichts für sie“?

Das ist möglich. Es gibt aber eine Vielzahl an Tests, sowohl praktische als auch im Labor, die man durchführen könnte und die verschiedene Aspekte des Leistungsvermögens analysieren. Deswegen ist es die Regel, dass Trainer und Experten mehrere Checks veranlassen, bevor sie diesbezüglich eine Entscheidung treffen.

Kann ein Sportler ohne die körperlichen Voraussetzungen aber mit mentaler Stärke und hoher Motivation auch erfolgreich sein?

Auf jeden Fall.

Wie geht ihr vor, um neue Talente zu finden - sucht ihr eher jemanden mit einer soliden körperlichen Grundverfassung oder jemanden mit einer hohen Trainingsmotivation?

Das ist kein Gegensatz für uns. Sowohl die physiologischen als auch die psychologischen Fähigkeiten machen einen potentiellen Profi aus, keins von beiden ist wichtiger. Wir suchen nach Sportlern mit beidem.

Welche Athleten mit eher schwacher Physiologie kennt ihr, die im Profisport erfolgreich sind?

Eigentlich ist uns in diesem Bereich noch niemand mit „schwacher Physiologie“ untergekommen. Alle Profis sind gerade deswegen Profis, weil sie in einem Bereich außerordentlich begabt sind. Jeder hat seine Stärken und Schwächen und das ist der Grund, warum immer jemand anderes ein Rennen gewinnt. Du musst nicht die höchste max. Sauerstoffaufnahme haben um ein Rennen zu gewinnen, da gehört viel mehr dazu. Taktik und Teamwork sind wichtig und machen den Radsport zu so einem großartigen Sport.

Welcher Wert für VO2max ist die Norm im Profi-Radsport?

Wenn man nach wissenschaftlichen Studien geht ist die Norm irgendwo zwischen 70 und 85 ml/kg/min. Sprinter liegen in der Regel darunter, während Bergspezialisten die höchsten Werte haben.

Daran anschließend: Welcher Wert für Watt/Kilogramm ist der Durchschnitt?

Dieser Wert hängt von einer Vielzahl anderer Faktoren ab (Renntyp, Zeitpunkt im Rennen, etc.) aber hauptsächlich von der Dauer der Anstrengung. Manche Athleten produzieren einen höheren Output von bis zu 18 W/kg über einen kurzen Zeitraum, während andere einen niedrigeren Output von ca. 6 W/kg bis zu einer Stunde durchhalten können.

Welche Trainingsmaßnahmen erzielen die besten Resultate?

Hier gibt es keine allgemeine Antwort. Wie gut ein Training für jemanden anspricht hängt von zahlreichen Faktoren ab wie beispielsweise Fitnesszustand, Trainingsjahr, Motivation und Eignung für das entsprechende Trainingsziel.