Die Geschichte des Leidens

Juli 08, 2015
Die Geschichte des Leidens

Jeder ambitionierte Radler kennt das: Beim Radfahren gehört das Leiden einfach dazu. Auch im Hobby-Bereich quält sich jeden Tag irgendwo irgendjemand einen Berg hoch, einfach um es geschafft zu haben und dann den Ausblick und die abschließende Abfahrt zu genießen. Noch extremer ist das Ganze natürlich bei den Profis. Die reißen jedes Jahr mehr Kilometer auf dem Fahrrad ab als die meisten Menschen mit ihren Autos. Und das meist unabhängig von Wind und Wetter.

Dabei fahren viele Profis nicht mal selbst um den Sieg mit. Als Domestik unterstützt man sein Team und den Leader egal in welcher Situation und muss sich voll reinhauen, um den Kollegen eine bessere Ausgangsposition zu bieten. Aber wie schaffen es die Athleten, sich Tag für Tag aufs Neue so zu motivieren, dass sie ihre Grenzen regelmäßig austesten und teilweise auch überschreiten? Wir haben uns mal wieder mit den Experten des Orica-GreenEDGE Teams unterhalten, um in die Tiefen der Psychologie des Leidens durchzudringen.

BE: Muss ein Radrennfahrer erst lernen Schmerzen zu ertragen, will er einfach nur Leiden, oder beides?

Kein normaler Mensch will Leiden. Die Weltelite will auf dem höchsten Level fahren und Rennen gewinnen, egal ob alleine oder im Team. Das man dazu manchmal eben über seine Grenzen hinausgehen muss, gehört eben dazu und wird durch ein gutes Ergebnis im Rennen wieder mehr als Wett gemacht.

Was hier besonders interessant ist: Der Umstand, dass das Radfahren so eng mit physischen Schmerzen verbunden ist, macht Profis sehr sensibel was das Leiden angeht, und trainiert sie quasi, es so weit es geht zu vermeiden.

Welche Radfahrer kennt ihr, die diesbezüglich besonders hervorstechen und regelmäßig über das Schmerzlimit hinausgehen?

Wahrscheinlich sind das die Fahrer, die nicht um den Sieg fahren. Während großen Touren wie der Giro oder Tour de France zum Beispiel müssen Domestiks und Sprinter regelmäßig hohe Belastungen auf sich nehmen, die mindestens mit denen ihre jeweiligen Team-Leader zu vergleichen sind, aber eben aus anderen Gründen. Domestiks helfen den Gesamtwertungsfahrern, damit sie in eine gute Ausgangslage zu kommen, und Sprinter kämpfen auf den Bergetappen teilweise nur um das Überleben, damit sie bei der nächsten flachen Etappen wieder voll angreifen können. Solche Fahrer, die bis an ihre Grenzen gehen ohne dabei die Motivation des persönlichen Ruhms oder Erfolgs direkt vor Augen zu haben, leiden wahrscheinlich am meisten.

Ist bei zwei Fahrern mit identischer oder ähnlicher Leistungsfähigkeit am Ende entscheidend, wer mehr oder besser Schmerzen ertragen kann?

Aktuelle Studien haben hervorgehoben, wie wichtig das Gehirn im Ausdauersport ist. Jedoch ist Sport im Allgemeinen eine sehr facettenreiche Sache, bei der viele physische als auch psychische Faktoren eine Rolle spielen und zusammen mit technischen und taktischen Faktoren die letztendliche Performance beeinflussen. Es wäre zu einfach zu sagen, dass nur eine Faktor darüber entscheidet, welcher Athlet besser ist als der andere.

Was motiviert Sportler, die regelmäßig über die Schmerzgrenze hinausgehen?

Psychologen haben zahlreiche Modelle entwickelt um zu verstehen, was Motivation genau ist und wo es herkommt. Eine vereinfachte Erklärung wäre, dass Athleten entweder über intrinsische oder extrinsische Faktoren motiviert werden. Intrinsisch sind zum Beispiel das Verlangen besser zu sein als alle anderen oder sich weiterzuentwickeln. Extrinsisch auf der anderen Hand bezeichnet das Streben nach Berühmtheit, Macht und Geld. Bei vielen Hobby-Fahrern wie auch Profis sind die Motivationsfaktoren verschieden bzw. zahlreich.

Wie schafft man es, dass der Verstand den Körper „überwältigt“ und ihn zu noch mehr Leistung antreibt?

Der Geist und der Körper sind eins. Obwohl es intuitiv für viele sinnvoll erscheint, die beiden zu trennen, agieren sie immer zusammen. Jeder kennt die Berichte wo Menschen physisch über sich hinauswachsen, eine Mutter ein Auto anheben kann um ihr Baby zu retten etc. - aber diese Ereignisse lassen sich nur auf extreme äußere Bedingungen zurückführen. Einer der führenden Sportwissenschaftler Samuele Marcora hat zuletzt ein psychobiologisches Model für ausdauernde Belastung geschaffen, dass diese Beziehung noch näher beleuchtet.

Wie kann man selbst seine Fähigkeit, Schmerzen bzw. Leiden zu ertragen, noch verbessern?

Studien haben gezeigt, dass das entscheidende Anzeichen für Erschöpfung während des Sports deine Wahrnehmung der Anstrengung ist. Also unabhängig vom Fitnesslevel - wenn du denkst, dass deine Anstrengung auf einer Skala von 1 - 10 die 10 erreicht hat, wirst du nicht mehr weitermachen wollen. Natürlich strengen sich manche Leute dabei mehr an als andere, aber im Allgemeinen hat sich herausgestellt, dass wir alle aufhören, wenn wir glauben, die maximale Anstrengung erreicht zu haben.

Es gibt aber interessanterweise mehrere Methoden, um die eigene Wahrnehmung der Anstrengung zu senken. Eine der bekanntesten und auch effektivsten Wege, um die Toleranz für Schmerzen zu erhöhen, ist das Fluchen (zumindest nach wissenschaftlichen Erkenntnissen).

Wie lässt sich das Leiden im Radsport am besten zusammenfassen?

Schmerz und Leid wird immer ein Teil des athletischen Radsports sein. Genau, wie der berüchtigte Greg Lemond es bereits sagte: „Es wird niemals einfacher, du wirst nur schneller.“

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