Sporternährung für Profis - Interview mit Olivia Warnes

März 31, 2015
Sporternährung für Profis - Interview mit Olivia Warnes

Als Ernährungswissenschaftlerin unter Profisportlern

Olivia Warnes ist immer dabei, wenn große internationale Radsport-Events mit australischer Beteiligung anstehen. Aber nicht als Profisportler, sondern als Ernährungswissenschaftlerin der Bahnrennfahrer im Sprinter- und Ausdauer-Bereich. Wir haben die vom SDA (Sports Dietitians Australia) akkreditierte Mitarbeiterin des australischen Teams der Commonwealth Games getroffen und sie zu ihrer Rolle im Radsport-Team sowie der Ernährung der Profis befragt.

BE: Du betreust sowohl Sprinter als auch Ausdauerathleten bei den Bahnrennen. Das sind eigentlich zwei grundverschiedene Arten des Bahnrennens, die auch unterschiedliche Ernährungsweisen erfordern, oder?

Olivia: Das stimmt. Zwar hat jeder einzelne Athlet einen eigenen Ernährungsplan, aber im Allgemeinen lässt sich schon sagen, dass die Ernährung eines Sprinters sehr stark von der eines Ausdauerfahrers abweicht.

Sprinter haben viel mehr Muskelmasse. Ihre Körper müssen schnelle Ausbrüche von Energie und Leistung über kurze Distanzen ermöglichen. Deswegen müssen sich Sprinter vor allem auf den Verzehr von Proteinen fokussieren, damit ihren Muskeln stets versorgt werden und leistungsfähig sind. Bahnrennfahrer im Ausdauer-Bereich konzentrieren sich hingegen eher Kohlenhydrate, um auf den langen Strecken durchzuhalten. Neben der Energiezufuhr helfen Kohlenhydrate auch mental beim Konzentrieren und der geistigen Wachheit. Der Großteil meiner Arbeit besteht darin, die Energiezufuhr der Athleten zu kontrollieren. Sprinter müssen zum Beispiel auch Kohlenhydrate zu sich nehmen, aber eben in geringeren Mengen, da sie auf der kürzeren Distanz ihre Energie nur kurz und in hoher Intensität benötigen.
Ausdauersportler müssen ihr Energielevel über 3, 4 manchmal sogar bis zu 6 Stunden konstant halten, was in der Regel eine deutlich höhere Kohlenhydrat-Aufnahme benötigt.

Wie oft hast du mit den Athleten zu tun?

Das hängt von der aktuellen Zielstellung ab und wo sie sich im Trainingsplan befinden. Wenn ihr Trainer sagt, dass sie kurzfristig ein wenig Gewicht verlieren müssen, wird ich mich natürlich öfter mit ihnen treffen, damit sie ihre Ziele erreichen. Allgemein sind aber am Anfang immer Meetings mit den Trainern, den Physios, den Soignieurs (Assistenten für Verpflegung, Massage, Therapien) und mir. Ich bekomme die Trainingsprogramme aller Athleten und passe den Ernährungsplan entsprechend an. Dann halten mich die Soignieurs immer auf dem neuesten Stand und berichten mir, wenn ihnen etwas auffällt oder sie Bedenken haben.

Abseits der organisierten Treffen weiß ich auch immer, wann die Athleten trainieren, und kann bei Bedarf einfach mal ins Velodrom schauen und sie mir in Person anschauen.

Gibt es unter deinen Athleten jemanden, der besondere Anforderungen an den Ernährungsplan stellt?

Wir haben einige Sportler, die sich glutenfrei und laktosefrei ernähren. Nicht weil sie allergisch sind oder es nicht vertragen, sondern weil es ihnen persönlich dadurch besser geht.

Wie kontrolliert man die Ernährung, wenn man das Essen nicht selber zubereitet?

Erstmal vorweg: Ich bin sehr viel lieber ein Ernährungswissenschaftler als ein Koch. Viele Athleten sind denke ich auch besser in der Küche als ich. Bei bestimmten Rennen informieren wir uns vorher bei den Hotels, ob sie die richtigen Ernährungsoptionen zur Verfügung haben. Zusätzlich haben wir natürlich immer eigene Vorräte dabei, sodass wir nicht mal kalt erwischt werden. Wenn es aber zu großen Wettkämpfen kommt wie den Commonwealth Games oder Olympischen Spielen muss man sich aber keine Sorgen machen. Da fehlt es an nichts. Bei UCI-Rennen haben wir gar keine Kontrolle, die organisieren alles selber. Wir können nur ein paar Richtlinien für die Weltmeisterschaften vorschlagen, aber in der Regel haben wir nur bei Trainingscamps einen viel höheren Einfluss.

Ist es für australische Athleten schwierig, sich bei einem Wettkampf plötzlich in einer anderen Jahreszeit wiederzufinden?

Abhängig von der Jahreszeit und Trainingsphase gibt es abweichende Ernährungsschwerpunkte und -Zyklen. Auch ein Trainingslager in höheren Lagen erfordern Änderungen des Ernährungsplans. Bei Rennen in den Bergen zum Beispiel muss die Ernährung die neuen Einflüsse auf den Athleten wiederspiegeln. Naturgemäß steigt in den Höhen die Stoffwechselrate, weswegen die Zufuhr von Eisen angehoben werden muss und die Hydration erhöht werden muss.

Vor einem Wettkampf nimmt die Trainingsintensität der Athleten ab. Wie macht sich das in der Ernährung bemerkbar?

Die Nahrungsaufnahme wird dann reduziert. Das ist schwieriger als es klingt. Viele Sportler sind es gewohnt, große Mengen zu verputzen, und das dann zu reduzieren ist schon eine kleine Herausforderung. Eine Gewichtszunahme gilt es an dieser Stelle absolut zu vermeiden. Es ist außerdem wichtig, dass die Nahrung besonders nährstoffreich ist, um Krankheiten vorzubeugen.

Was sind deine drei wichtigsten Grundregeln für die Ernährung, die du Amateuren gerne mitgeben würdest?

  1. Sie müssen sicherstellen, dass die Energie- bzw. Nahrungsaufnahme dem Verbrauch entspricht.
  2. Das Timing ist wichtig. Kohlenhydrate vor dem Training und Proteine nach einer intensiven Trainingseinheit. Nach einer leichten Session ist dies nicht notwendig.
  3. Sie dürfen nicht davon ausgehen, dass Nahrungsergänzungsmittel die Antwort sind. Es ist unverzichtbar, die Grundlagen der richtigen Ernährung zu kennen und anzuwenden. Sie sollten nährstoffreiche Makronährstoffe bevorzugen anstatt sich nur auf die Ergänzungsmittel zu verlassen. Viele junge Nachwuchsathleten setzen anfangs zu sehr auf die Nahrungsergänzung, und wir müssen sie quasi von Grund auf über die richtige Ernährung unterrichten. Nahrungsergänzungsmittel sind in einigen Fällen durchaus nützlich, aber sie sind keinesfalls das Allheilmittel. Am wichtigsten ist: Richtig trainieren, richtig ernähren und gut schlafen.

Du arbeitest viel mit Profis zusammen. Warum kommen aber auch Hobbysportler und Age-Grouper zu dir?

Ich denke, weil sie wissen, dass Sporternährungswissenschaftler ein professionelles Verständnis davon haben, welche Nährstoffe ein Körper braucht, wann er sie braucht und in welchem Maße. Wir arbeiten sehr strategisch, was das Anpassen und Maßschneidern von Ernährungsplänen an die Zielstellungen des Sportlers angeht. Nur weil ein Amateur seinen Sport nicht auf Profiniveau betreibt, heißt das nicht, dass er nicht die maximale Performance aus sich herausholen möchte.