Warum die Tour so atemberaubend war

Juli 27, 2015
Warum die Tour so atemberaubend war

Mann, was ein Ritt. Die diesjährige Tour de France war definitiv eine der spannendsten Ausgaben seiner Geschichte. Die 21 Etappen waren vollgepackt mit aggressivem Racing vom Feinsten, sodass wir Tag für Tag an unseren Bildschirmen klebten und das Spektakel von der ersten bis zur letzten Minute verfolgen mussten.

Jetzt ist schon wieder alles vorbei, doch wir wollen das nicht einfach alles hinter uns lassen. Froome hat gewonnen, klar, aber die Tour hatte auch dieses Jahr wieder viel mehr zu bieten als den einen Fahrer in Gelb der am Ende am lautesten jubeln durfte. Deswegen: Unsere Top 5 Gründe, welche die 102. Ausgabe des legendären Radrennens so besonders machten.

1. So lange ich atmen kann, attackiere ich

Das berühmte Zitat von Bernard Hinault war nie passender. Die Tour de France 2015 war ein wahres Feuerwerk für Freunde des Hau-Drauf-Radsports: Die Fahrer attackierten Non-Stop - im Flachen, bei Seitenwinden, im Regen, auf kurzen und langen Anstiegen, bei höllisch schnellen Anfahrten und über die unwegsamen Pflastersteine hinweg - so lange die Beine mitmachten, wurde Vollgas gegeben. Soweit wir uns erinnern konnten gab es nicht eine Etappe, in der das Rennen durch aggressives Fahren vorangetrieben wurde.

Und das machte schon am 2. Renntag den Unterschied aus: Bardet, Valverde, Quintana, Nibali und Pinot verloren knapp eineinhalb Minuten auf Froome, Contador und van Garderen, weil das Etixx - Quick Step Team das Hauptfeld mit seinem wahnwitzigen Tempo komplett auseinander riss, und dass im Regen bei starken Seitenwinden. Der Rückstand von Quintana auf Froome auf den Weg nach Paris waren 1:12 … es kann sich sicherlich jeder vorstellen, wie er und sein Team den verlorenen Sekunden dieser Etappe nachtrauern werden.

Tour de France Etappe 6 Zdenek Stybar

Auch bergab wurde teilweise irrsinnig attackiert. Bei den Etappen in den Bergen war es vor allem Nibali, der Froomes vermeintliche Achillesferse, das Bergabfahren, ausnutzen wollte. Außerdem war das Team Sky am Berg stets in der Überzahl, sodass es am Anstieg nicht viel zu holen gab. Nibali haute deswegen in den Etappen 16, 17 und 18 kurz vor dem Erreichen der Spitze einen raus und attackierte, sodass Froome Mühe hatte, bei der anschließenden Abfahrt nicht abreißen lassen zu müssen. Vor allem bei der 16. Etappe zahlte sich die Taktik aus: Nibali fuhr auf halsbrecherische Art und Weise einen 30-sekündigen Vorsprung auf die Gesamtwertungs-Führenden heraus.

Und dann gab es da noch Etappe 12 mit dem Anstieg zum Plateau de Beille. Froome war unter ständiger Bedrängnis von Contador, Valverde, Nibali und Quintana, doch sein "Lieutenant" Geraint Thomas stand ihm zur Seite und zusammen hielten sie die lästige Konkurrenz fern. Geraint war für uns definitiv einer der stärksten Fahrer der Tour.

Trotz der aggressiven, von Attacken geprägten Fahrweise der 102. Tour de France hat 2015 der vielseitigste und kompletteste Fahrer gewonnen. Froome war stark am Berg, machte eine hervorragende Figur beim Zeitfahren und hatte ein ausgewogenes, leistungsstarkes Team an seiner Seite, das alle Angriffe von außen abwehrte.

2. Wenn der zweite Platz zum Sieg reicht

Niemand hat die diesjährige Tour so belebt wie Peter Sagan. Der Gewinner des grünen Trikots hat sich bei einer Vielzahl an Etappen in den Vordergrund gespielt, wurde 5-mal Zweiter, war 4 Tage am Stück als Ausreißer unterwegs und heimste zweimal den Most Aggressive Ride Award ein. Und dass, obwohl der 26-jährige häufig ganz auf sich alleine gestellt war. Sein Tinkoff-Saxo Team setzte nämlich eher auf Contador als Zugpferd und Sagan musste selber zusehen, wie er klar kommt. Man kann sich nur vorstellen was für Sagan möglich gewesen wäre, wenn sein Team ihn etwas mehr unterstützt hätte.

Tour de France Peter Sagan

Unsere Top 3 Sagan-Momente der Tour:

  1. Nach dem Zwischensprint der 4. Etappe hat Sagan noch nicht genug und formt eine Ausreißergruppe 70 km vor dem Ziel, denn warum eigentlich nicht?
  2. Sein Wolf of Wall Street-Jubel nach der höllischen Abfahrt bei der 16. Etappe.
  3. Seine Modetipps für Chris Froome mitten im Interview.

3. Ich hatte Schmerzen zum Frühstück. Und du?

Ein Crash bei einem Etappenrennen ist eigentlich nichts Außergewöhnliches mehr. Jahr für Jahr hauen sich Fahrer auf den Asphalt, hin und wieder muss jemand verletzungsbedingt von der Tour ausscheiden. Das ist Rennsport. Doch dieses Jahr war es ganz besonders schlimm.

Insgesamt konnten 38 Fahrer die Tour nicht beenden, darunter große Namen wie Fabian Cancellara, Tom Dumoulin, Simon Gerrans, Greg Henderson, Michal Kwiatkowski, Tony Martin und Tejay van Garderen. Besonders bitter war das Ganze für die beiden Gelbträger Cancellara und Martin, die führend in der Gesamtwertung aufgeben mussten. Auch van Garderen lag mit dem 3. Platz in der GW gut im Rennen, bis ihn eine Krankheit in die Knie zwang.

Tour de France Michael Matthews crash

Jedoch ließen sich nicht alle von ihren Verletzungen unterkriegen: Adam Hansen kugelte sich das AC-Gelenk bereits in der 2. Etappe aus und hielt durch, Michael Matthews brach sich zwei Rippen bei dem Horrorcrash der 3. Etappe und fuhr später trotzdem zum Most Aggressive Rider Award, und Jean-Christophe Peraud hat sich bei Etappe 13 beinahe lebend gehäutet und trotzdem seinen Weg ins Ziel gefunden.

Es zeigte sich mal wieder: Die Tour de France ist nichts für zartbesaitete Seelen und macht seinem Titel des härtesten Rennens der Welt alle Ehre.

4. Die Tour ist mehr als nur der Kampf um Gelb

Es geht nicht immer nur um Gelb. Die diesjährige Tour sah alle Fahrer und Teams auf der Jagd nach Awards, Wertungen und Anerkennung, auch abseits der Gesamtwertung.

Die Etappe 18 beispielsweise bot ein französisches Duell der Extraklasse. Giant-Alpecins Warren Barguil gegen Romain Bardet von AG2R La Mondiale, die beiden besten Franzosen in der Gesamtwertung. Barguil hatte vor der Etappe noch satte 2:56 Vorsprung vor dem jungen Bardet, doch der attackierte von Beginn an und war schon bei der Hälfte der Strecke vorbei an seinem Landsmann. Giant-Alpecin setzte daraufhin alles daran, Barguil nach vorne zu bringen und die verlorene Zeit aufzuholen, und machte sich auf die Jagd nach den Ausreißern. 10 Kilometer vor dem Ziel war der Abstand aber immer noch bei 3 Minuten, und im Ziel konnte sich Bardet dann als aktuell bester Franzose bei der Tour rühmen.

Tour de France Quintana White Jersey

Auch die Team-Wertung bot so einiges an Spannung. Das BMC Racing Team hatte den Titel bis zur 9. Etappe inne, bis das Team Sky die Amerikaner kurz ablöste und dann dem Movistar-Team Platz machen musste. Die große Überraschung war aber das südafrikanische Wildcard-Team MTN-Qhubeka p/b Samsung. Bis zum Beginn der 16. Etappe noch auf Platz 8 der Teamwertung mit über 50 Minuten Rückstand, konnten die Underdogs dank mehrerer Fahrer in der Ausreißergruppe über eine halbe Stunde aufholen und waren am Ende des Tages Zweiter mit 20:30 Rückstand. Zwar konnten sie das gute Ergebnis nicht halten, doch der kurze Besuch auf dem Teamwertungs-Podest dürfte einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben.

Nachhaltig war auch der Sieg von MTN-Qhubeka p/b Samsung Fahrer Stephen Cummings bei der 14. Etappe. Der 18. Juli war der Geburtstag von Nelson Mandela, und das ganze Team fuhr zu Ehren des Nationalhelden. Das Cummings diese Etappe für sich entscheiden konnte, war allein seiner Willenskraft zu verdanken, denn eigentlich passte das Streckenprofil so gar nicht zu seinen Vorlieben. Ein Sieg für Cummings, und ein Tribut für ein ganzes Volk.

Ein weiterer emotionaler Höhepunkt ereignete sich während der 17. Etappe. Simon Geschke, eigentlich Domestik für das Giant-Alpecin-Team der 99% seiner Zeit auf dem Rad für andere opfert, bekam grünes Licht für einen Solo-Versuch und krönte seine Radsportkarriere mit dem Etappensieg. Ein Kindheitstraum, der in Erfüllung ging. Es folgte ein herzzerreißendes Interview, bei dem der Mann mit dem männlichsten Bart der Tour den Tränen nahe kam.

Tour de France Simon Geschke Etappensieg

5. Immer unter Verdacht

Auch dieses Jahr ist es eigentlich keine Überraschung, dass das Thema Doping wieder bei der Tour auftauchte. Diesmal hat es Chris Froome erwischt, der sich aufgrund seiner starken Leistungen die Doping-Anschuldigungen anhören durfte. Vor allem seine sensationelle Attacke bei der 10. Etappe versetzte die Doping-Zweifler in Alarmbereitschaft.

Daraus resultierte dann der Angriff eines Zuschauers, der Froome während eines Rennens mit einem Becher Urin bewarf und „Doping!“ schrie. Für Froome waren die Medien daran nicht ganz unschuldig, die durch ihre teilweise unverantwortliche und spekulative Berichterstattung die Stimmung angeheizt hatten. Um die Zweifler zu besänftigen veröffentlichte sein Team das Leistungsprofil von Chris. Der Gesamtsieger sprach sich auch während der Tour für das 24h-Testing aus und erklärte sich dazu bereit, unabhängige Tests zur Bestätigung seiner Sauberkeit wahrzunehmen.

Tour deFrance Etappe 10 Chris Froome Sieg

Doch für einige war das noch immer nicht genug. Während der 20. Etappe wurde Froome von einem weiteren sogenannten Radsportfan bespuckt. In vielen anderen Sportarten hätte dies einen Aufschrei der Medien und Strafen über Strafen nach sich gezogen, doch bei der Tour geht sowas beinahe unter. Zu groß ist das Misstrauen in der Community, das durch die Doping-Skandale der letzten Jahre geschürt wurde. Der Träger des gelben Trikots muss den wertvollen Stoff nicht nur während der Tour verteidigen, sondern auch danach.

Trotzdem freuen wir uns über eine unvergessliche Tour und sind bereits jetzt voller Vorfreude auf die 103. Ausgabe im nächsten Jahr.

Danke an Graham Watson für die großartigen Bilder von der 21. Etappe.