Die 5 größten Überraschungen der Tour ... bis jetzt

Juli 20, 2015
Die 5 größten Überraschungen der Tour ... bis jetzt

Die Tour de France geht in das letzte Drittel und was haben wir nicht alles schon erlebt: Allerhand Drama, Unfälle, Ausstiege, Unterbrechungen, Überraschungssiege. Und nicht zu vergessen - erstklassige, hochspannende Rennen.

Wir schauen zurück auf die bereits absolvierten Etappen und präsentieren euch unsere Top-5-Überraschungen der Tour de France 2015.

1. Froome nicht der Stärkste bei Team Sky

Was Geraint Thomas in diesem Jahr bei der Tour de France für eine Form zeigt, ist einfach nur unglaublich.

Sein Aufstieg zum Plateau de Beille bei der 12. Etappe musste man live gesehen haben, um es zu glauben. Der ehemalige Bahnrad-Crack und Team Skys Vorzeige-Rouleur machte es den besten Kletterern der Welt auf einem der schwersten Tour-Anstiege ungeahnt schwer und ließ sich einfach nicht abschütteln. Dabei startete er nicht einfach gezielte Attacken, sondern fuhr einfach mit roher Gewalt vorne weg. Späte Vorstöße von den Bergexperten sackten Thomas später kurzzeitig ein, doch der Brite zeigte eine wahnsinnige Energieleistung und schob sich nach nur kurzer Zeit wieder mit vorne ran. Selbst Favoriten wie Quintana und Contador hatten dann Schwierigkeiten, an ihm dran zu bleiben.

Wenn das Sky-Team angreift, dann geht das normalerweise schön geordnet zur Sache. In der Regel sind Luke Rowe oder Leopold König vorne dran, dahinter dann Peter Kennaugh, Wouter Poels und Nicholas Roche. Bei dieser Tour ist aber alles anders: Richie Porte übernimmt häufig die Führung, gefolgt von Thomas und Froome, was den Schluss nahelegt, dass sich Geraint Thomas momentan in besserer Form als Porte befindet. Und das zeigt auch die Gesamtwertung: Thomas ist aktuell 6. und damit vor Favoriten wie z.B. Nibali und Rodriguez.

Man kann nur spekulieren, wie weit es für Thomas noch nach vorne geht. Der dritte Platz ist definitiv in Reichweite, und ein Podium mit Thomas und Froome wäre schon eine echte Überraschung. Wer hätte das vor 2 Wochen noch gedacht?

Geraint Thomas

2. Der schwächelnde Titelverteidiger

Es ist nicht Vincenzo Nibalis Form, die uns dazu veranlasst, den Tour-Sieger 2014 als negative Überraschung hervorzuheben. Es ist seine Einstellung, seine Motivation. Wenn alles gut läuft, ist Nibali vorne mit dabei. Aber wehe wenn nicht.

Die Kopfsteinpflaster der 4. Etappe waren ein gutes Beispiel hierfür. Nibali war sehr aggressiv unterwegs und machte den Eindruck, jederzeit das Hauptfeld auseinandersprengen zu können. Er hatte keine Angst vor den tückischen Pflastersteinen und wartete nicht auf seine Kollegen, um einen Angriff zu starten. Er brachte Froome ganz schön in Schwierigkeiten, obwohl der selber eine hervorragende Leistung zeigte. Nibali, 'The Shark', war dran. So auch beim Team-Zeitfahren. Beim letzten Anstieg flog Nibali den Berg hinauf, während seine Kollegen sich durch die kleinen Gänge quälten.

Aber wenn es für das Astana-Team mal nicht so lief, sah man dies sofort an Nibalis Leistung. Die Mur de Bretagne bei der 8. Etappe, die Lá Pierre-Saint-Martin von Stage 10 oder die Coite de Cauterets bei der 11. - Nibali hatte der Konkurrenz hier nichts entgegenzusetzen. Wenn sich das Tempo verschärfte und es darum ging, zu kämpfen, zu beißen, ließ sich Nibali hängen. Man konnte es in seinem Gesicht sehen, beinahe mit Desinteresse. Er scheint einfach nicht alles geben zu wollen, um seinen Titel zu verteidigen.

Dazu kommen die Missstände im Astana-Team, die vielleicht auch eine Rolle spielen. Vincenzo soll bezogen auf den Team Manager Alexander Vinokourov gesagt haben „in seinem Kopf ist etwas kaputt gegangen“. Doch selbst das erklärt nicht, mit welcher Einstellung Nibali bei der Tour de France 2015 angetreten ist. Der 2014er Titel gehört ihm, nicht dem Team, und er sollte genug stolz besitzen, um diesen mit allem was er hat zu verteidigen. Momentan ist der Italiener Achter mit knapp 8 Minuten Rückstand auf das gelbe Trikot.

Nibali stage 12

3. Der französische Niedergang

Die Tour de France 2014 war eine vielversprechende Zeit für den französischen Radsport. Zweiter und dritter Platz in der Gesamtwertung, die zwei besten Nachwuchsfahrer und der Gewinn der Team-Wertung durch das französische Team AG2R La Mondiale ließen die einheimischen Fans mal wieder gehörig aufhorchen.

2015 sollte das gezeigte Potential dann zumindest bestätigt werden, doch dem war bis dato nicht so.

Jean-Christophe Peraud ist nur ein Schatten seiner selbst verglichen mit 2015, mit einem beträchtlichen Rückstand in der Gesamtwertung und nicht einem vorzeigbarem Einzelergebnis. Der Zweite der letzten Tour hat sich auf keiner Bergetappe beweisen können und musste häufig schon relativ früh die Segel streichen und seine Gegner ziehen lassen. Teamkollege und Wunderjunge Romain Bardet ist ebenfalls noch nicht in Erscheinung getreten. Der Jungspund machte nur mit einem Hitzschlag auf sich aufmerksam und saß mehrere Rennen sichtlich angeschlagen im Sattel, konnte aber auch vorher keine Resultate erzielen. Jetzt ist Bardet aber wieder dran und steht nach ein paar guten Rennen auf Platz 12 der Gesamtwertung.

Die größte Enttäuschung war aber die Leistung von Thibault Pinot. Mit einem Etappensieg bei der Tour de Suisse auf dem Konto startete er in großartiger Form in die diesjährige Tour, und zeigte gleich beim ersten Zeitfahren eine starke Leistung. Doch danach kam nichts mehr von dem Franzosen. Bei der 4. Etappe hatte er technische Probleme mit seinem Bike, und wartete lieber minutenlang auf das Team-Fahrzeug, anstatt das Rad eines Teamkollegen zu nehmen, das nicht zu 100% auf ihn abgestimmt ist. Auch hier zeigt sich, das nicht nur die Form entscheidend ist, sondern auch die Einstellung und die Motivation. Tony Martin machte es vor: Er gewann nach einem technischen Problem die Etappe auf dem Bike seines Teamkollegen.

Naach der 14. Etappe müssen wir hier aber etwas zurückrudern: Mit Pinot und Bardet auf dem Podest zeigten sich die Franzosen so stark wie lange nicht und machten klar, dass trotz des holprigen Starts noch mit ihnen zu rechnen ist. Auch die Jugendwertung haben sie wieder im Griff - auf den Plätzen 2 - 4 tummeln sich im Moment Barguil, Bardet und Pinot.

Lapierre check GW

4. „Das am schlechtesten gehütete Geheimnis im Radsport“

So bezeichnete es Richie Porte selber. Doch eigentlich war es ein ganz gut bewahrtes Geheimnis, bis Porte selber die Katze aus dem Sack ließ - im nationalen TV.

Es geht um Portes Weggang vom Team Sky. Natürlich gab es Gerüchte. Die gibt es immer, wenn ein Top-Fahrer mit auslaufendem Vertrag dasteht. Es war aber nichts bestätigt, und keiner wusste, wohin es für Porte geht. Das hartnäckigste Gerücht war ein Wechsel zum BMC Racing Team, doch mit Tejay und Dennis als Hoffnungsträger wäre es eine ungewöhnliche Wahl für das Team gewesen. Denn Porte ist weiterhin auf der Jagd nach Titeln.

Was die Ansage von Richie aber so überraschen machte, was die Art und Weise, und vor allem der Zeitpunkt seiner Bekanntgabe. Kurz nach dem Ende einer Etappe, und irgendwie sehr beiläufig kam es dann heraus. Er verlässt Team Sky. Man hätte denken können, dass die meisten es gar nicht gemerkt haben, doch die Zeitung waren am nächsten Tag voll davon.

Wohin es den Australier jetzt verschlägt, bleibt abzuwarten. Seine Leistungen sind auf jeden Fall tadellos, was seinen Marktwert natürlich ordentlich angekurbelt haben dürfte.

Richie Porte Hero TdF Press Conference

5. Märchen werden manchmal wahr. Irgendwie.

Die Tour de France ist bekannt dafür, niemandem etwas zu schenken. Jedes Resultat, jede Platzierung sind das Ergebnis von harter Arbeit und Liebe zum Detail, und man hat trotz hervorragender Leistung eher Pech als das man von den Fahrradgöttern mal ein paar Plätze nach vorne geschoben wird. Tony Martin kann da nur ein Lied von singen.

  1. Etappe: Tony Martin verpasst das gelbe Trikot um nur 5 Sekunden - für viele seine einzige wirkliche Chance auf das gelbe Jersey.
  2. Etappe: Martin vollbringt eine extrem starke Teamleistung und würde das gelbe Trikot tragen, wenn es nicht die Zeit-Boni gäbe - wieder nichts.
  3. Etappe: Quasi ein Schlag ins Gesicht der Hoffnung: Martin verpasst das Gelbe wieder, diesmal sind es nur 0,6 Sekunden.

Wer also an das Schicksal glaubt, hätte Martin an dieser Stelle schon längst abgeschrieben mit der Begründung, es soll halt eben einfach nicht sein.

Dann: Etappe 4.

Wieder sah es so aus, dass Martin das Pech an den Pedalen klebt. Ein technisches Problem am Ende der Etappe ließ den Sieg in weite Ferne rücken. Doch Martin ließ sich nicht aufhalten, schnappte sich das Rad eines Teamkollegen und machte sich auf die Jagd. Mit einer brachialen Energieleistung fuhr er vorne heran, und als es nur noch 4 Kilometer bis zum Ziel waren und alle anderen Fahrer bereits langsam aber sicher die Puste ausging, war es soweit. Martin attackierte. Und wie. Er holte sich den Sieg, den Sieg der Etappe und den Sieg über das Schicksal, das ihm die letzten Tage übel mitgespielt hatte.

Lange genießen konnte er seine Zeit in Gelb jedoch nicht: Ein gebrochenes Schlüsselbein zwang Martin schließlich zur Aufgabe, der Tour-Traum war damit zu Ende. Doch das Märchen des gelben Trikots ging in Erfüllung, wenn auch nur kurz, und nicht gerade unter märchenhaften Bedingungen.

Tony Martin Stage 4