Paris - Roubaix 2015

April 13, 2015
  1. John Degenkolb (GER) - Team Giant Alpecin
  2. Zdenek Stybar (CZE) - Etixx-Quick-Step
  3. Greg van Avermaet (BEL) - BMC Racing Team

Gesamtzeit: 5 Stunden 49 Minuten 51 Sekunden - 43,48 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit

Paris Roubaix 2015 - Degenkolb gewinnt Königin der Klassiker

Die 113te Ausgabe des vielleicht bedeutendsten Eintagesrennen der Saison hat den Fahrern mal wieder alles abverlangt. 253 km Gesamtstrecke, davon über 52 km absolut unverzeihliches Kopfsteinpflaster - die sogenannten Pavé-Abschnitte trennen immer wieder aufs neue die Spreu vom Weizen und brechen genauso viele Herzen und Hoffnungen wie Beine. Hier gewinnen wirklich nur die besten und stärksten, was das Rennen jedes Mal aufs Neue so faszinierend und mitreißend macht. Besonders entscheidend dieses Jahr: Die zwei vielleicht stärksten Klassiker-Fahrer Tom Boonen (Sieger 2005 und 2012) und Fabian Cancellara (Sieger 2010 und 2013) fehlten verletzungsbedingt.

Paris   Roubaix Peloton3

Neben dem üblichen Drama auf der Rennstrecke gab es bei Paris Roubaix 2015 auch noch so einige Nebenschauplätze, die für Interesse sorgten: Kann Bradley „Wiggo“ Wiggens bei seinem letzten Rennen für Team SKY noch mal einen Sieg einfahren? Ist Alexander Kristoff eigentlich überhaupt zu stoppen? Und kann Etixx-Quick-Step es diesen Frühling mit der richtigen Taktik schaffen, dass Rennen zu gewinnen?

Sonne, Pflastersteine, Bahnschranken

Das Rennen begann schon mal bei schönem Wetter, was für die meisten der Fahrer eine große Erleichterung gewesen sein dürfte. Trotzdem war die erste Hälfte mit Stürzen übersät und war in einem besonders schweren Fall auch das frühe Aus für einige Fahrer. Ab Kilometer 30 konnten sich dann die ersten Ausreißer etwas Luft vor dem Hauptfeld verschaffen, bevor 100 km vor dem Ziel sich das Tempo noch einmal deutlich verschärfte. Die Einfahrt zum Trouée d’Arenberg (Wald von Arenberg) wurde mit extrem hoher Geschwindigkeit angegangen, wobei Team SKY mit Wiggo und seinem Begleiter Bernie Eisel es bis nach vorne schaffte. Der Wald von Arenberg ist mit 5 Sternen eine der schwersten Kopfsteinpflaster-Abschnitte des Rennens und stellte mal wieder eine große Herausforderung dar. Auf dem 2,5 km langen Streckenteil mussten die Athleten heftig kämpfen mit ihren Rädern, beinahe als ob etwas vom Boden unter ihnen versuchte, sie von ihren Rädern zu schütteln. Das Team BMC Racing übernahm hier die Kontrolle und zog das Feld auseinander, was das Rennen für ihren Top-Fahrer Greg van Avermaet nochmal verschärfte. Trotz der hohen Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 40 km/h auf den 5-Sterne-Kopfsteinpflaster-Passagen war das Peloton bei noch 87 Kilometer zu fahren eng beieinander.

Paris Roubaix Cobblestone

Unglaubliche Szenen spielten sich in der Mitte des Rennens an einem Bahngleis ab: Die Bahnschranken schlossen sich während die Fahrer das Gleis überquerten und trennte das Feld in zwei Hälften. Während die meisten Fahrer brav warteten, bis der Zug die Straße überquerte, hatten einige nicht so viel Geduld und fuhren über das Gleis Sekunden bevor der TGV anrollte. Ein großes Risiko, um nicht den Anschluss zu verlieren. Ein weiterer Aufreger war der Sturz des Briten Geraint Thomas auf einem eher harmlosen Teil der Strecke. Zwar stieg der ehemalige Olympiasieger wieder aufs Bike, doch da hatte das Team Etixx-Quick-Step schon die Führung übernommen und die Konkurrenz auf dem langen Pflaster von Hornaing aussortiert.

Etixx-Quick-Step vorne weg

Als die Fahrer auf die 200 Kilometer-Marke zusteuerten, lag der Average Speed bei satten 44,4 km/h - und trotzdem war das Hauptfeld noch ungewöhnlich groß. Bei noch 67 km zu fahren war wieder Etixx-Quick-Step am Drücker und zog die Fäden. Fünf Fahrer des belgischen Teams versuchten das Feld auseinanderzureißen. Dabei bildete sich eine kleine Ausreißer-Gruppe heraus, in denen Ian Stannard, Peter Sagan und John Degenkolb das Tempo anzogen. Das Peloton wurde wie ein Yo-Yo immer wieder von den Ausreißern auf Abstand gehalten, da der Druck vom starken Etixx-Quick-Step-Team einfach zu groß war.

Die Kilometer flogen nur so vorbei, und mit ihnen verloren immer mehr Athleten den Anschluss an das Hauptfeld. Auf den letzten 50 Kilometern ist das Peloton deutlich kleiner geworden und damit auch das Feld der Fahrer mit einer Chance auf den Sieg. Der nächste 5-Sterne-Kopfsteinpflaster-Abschnitt Mons-en-Pevele brachte dann nochmal eine Verschärfung des Tempos. Jeder wollte natürlich so schnell wie möglich und ohne Blessuren diesen Abschnitt hinter sich lassen.

Stijn Vandenbergh vom Etixx-Quick-Step machte dann schließlich den ersten richtigen Versuch, sich von seinen Kontrahenten zu lösen. Alleine auf weiter Flur nahm er so auch etwas Druck von seinem Team. Wiggens ließ sich das aber nicht lange gefallen und holte Vandenbergh in einem starken Ausreißversuch wieder ein. Zu den beiden Führenden gesellten sich dann auch noch Jens Debusschere und Zdenek Stybar. Team Katusha erkannte aber die Gefahr und verhinderte den Ausrissversuch.

Spannung pur auf den letzten Metern

Die Unruhe im Hauptfeld war jetzt, 20 Kilometer vor dem Ziel, deutlich zu spüren. Keiner der großen Namen hat sich bis dato abschütteln lassen, und viele kleine Tempoverschärfungen führten ins Nichts. Die einzigen erfolgreichen Ausreißer waren Jürgen Roeland von Lotto Soudal und Borut Bozic vom Asta Pro Team. Roelandt war dann auch der erste im Carrefour de l’Abre, einer weiteren 5-Sterne Pflaster-Hölle, mit Vorsprung auf seinen Verfolger Bozic. Am Ende dieses Sektors war das Feld wieder dicht gedrängt und die Gegenangriffe begannen. Greg van Avermaet und Yves Lampaert konnten sich einen kleinen 13-Sekunden-Vorsprung herausfahren und wurden 6 Kilometer vor dem Ziel von Team Giant-Alpecins John Degenkolb eingeholt. Drei Kilometer später fuhr auch noch Zdenek Stybar heran: Ein großes Finish stand an.

Paris   Roubaix   Orica GreenEDGE

Drei weitere Fahrer kamen der Führungsgruppe noch einmal gefährlich nahe. Lars Boom vom Astana Pro Team, Martin Elmiger von IAM Cycling und Jens Keukeleire von Orica GreenEDGE jagten das Quartett an der Spitze durch den Eingang des Velodroms. Es wurde immer enger. 250 Meter vor dem Ziel hatten auf dem Papier noch sieben Fahrer die Chance auf den Sieg, aber Degenkolb ließ nichts mehr anbrennen. Durch den taktisch gut gewählten Zeitpunkt des Heranfahrens an die Spitze hatte der Deutsche noch genug Power in den Beinen, um 150 Meter vor der Ziellinie an zweiter Stelle nochmal ordentlich anzuziehen und die Konkurrenz beinahe stehen zu lassen. Mit deutlichem Abstand überfuhr Degenkolb dann die Ziellinie und sicherte sich seinen zweiten Monumenten-Titel dieses Jahr. Etixx-Quick-Steps kam mit Zdenek Stybar wieder nur als Zweiter ins Ziel, ganz knapp vor Greg van Avermaet.

Es war mal wieder ein großes Spektakel, Paris-Roubaix. Viele Angriffe, hohes Tempo, spektakuläre Stürze und ein unkooperatives Bahngleis machten die Königin der Klassiker auch dieses Jahr wieder zu einem spannenden Radsport-Highlight.

Alle weiteren Infos zu den Spring Classics 2015 und Paris-Roubaix findet ihr in unserem Spring Classics Guide.

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